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Blutegel

Medizinische Blutegel

(Hirudo medicinalis, H. verbana, H. orientalis)

Weltweit sind über 600 Arten von Blutegeln bekannt, von denen etwa 15 Arten medizinisch eingesetzt werden. In Europa werden am häufigsten Hirudo medicinalis, Hirudo verbana und Hirudo orientalis in der Medizin zur Behandlung verschiedener Krankheiten verwendet.

Die Blutegel gehören zu den Ringelwürmern (Annelida) und sind mit dem Regenwurm verwandt. Die skelettlosen Zwitter sind ausgewachsen ca. 5-10 cm lang, wiegen hungrig 1-3 Gramm und haben im entspannten Zustand einen Durchmesser von 1 cm. Bei Streckung können sie sehr dünn werden und 20 cm Länge erreichen. Ihre Form ist oval und verjüngt sich zu beiden Enden, an denen sich jeweils ein starker Saugnapf befindet. Am vorderen Ende befindet sich ein dreiteiliger Kiefer, der mit 80 winzigen Kalkzähnchen besetzt ist und eine Y- förmige Wunde hinterlässt. Dahinter sitzen 5 schwarze Augenpaare auf dem Rücken des Egels. Die Atmung erfolgt über die Haut. Blutegel ernähren sich ausschließlich von Blut.

Herkunft / Zucht

Natürliche Lebensräume der in Europa medizinisch verwendeten Blutegel sind die schlammigen Uferregionen sauberer, naturbelassener Gewässer mit vielen Wasserpflanzen und sind mittlerweile nur noch in wenigen Gebieten mit unbelasteten Gewässern zu finden. Sie stehen in vielen Ländern unter Artenschutz und dürfen ohne „Cites- Bescheinigung“ nicht gesammelt und ausgeführt werden.

Westeuropas größter Blutegel-Zuchtbetrieb steht in Biebertal bei Gießen. Weitere Zuchtbetriebe gibt es z. B. in Potsdam, in Frankreich und in der Türkei. In Deutschland ist eine Herstellgenehmigung nach §13 Absatz 1 des Arzneimittelgesetzes für die Produktion eines lebenden Arzneimittels nötig.

Bezugsquelle

Als „Arzneimittel“ im Sinne des Arzneimittelgesetzes ist der medizinische Blutegel rezeptfrei in Apotheken erhältlich. Von der Anwendung ohne entsprechende medizinisch- therapeutische Grundkenntnisse ist jedoch abzuraten. Apotheken beziehen die Blutegel entweder direkt aus den Blutegelzuchten oder über Vertriebsgesellschaften, die sowohl inländische Zucht- als auch Importegel anbieten.

Therapeutischer Einsatz

Die Blutegeltherapie gehört zu den ältesten Heilmethoden in der überlieferten Medizingeschichte. In Europa war die Blutegeltherapie seit der Antike bis ins 19. Jh. hinein ein unverzichtbarer Bestandteil der ärztlichen Therapie, aber auch immer Bestandteil der Volksmedizin. Zuletzt (um Mitte des 19. Jahrhunderts) war die Blutegeltherapie so populär, dass die Ausrottung der Tiere drohte. Danach verschwanden die Blutegel und mit ihnen die Therapie vorübergehend fast vollständig in Europa.

Seit einigen Jahren werden wieder Blutegel in der Humantherapie eingesetzt, vor allem im Bereich der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie, wobei die Egel nach Transplantationen von Haut- oder Körperteilen für den Erhalt des Blutflusses sorgen, sodass die Reimplantate nicht abgestoßen werden oder absterben.

In der Alternativmedizin werden Blutegel überwiegend zur Behandlung von Arthrose, bei Rheuma und bei Thrombosen eingesetzt. Aktuell gibt es eine Studie zum Einsatz von Blutegeln bei chron. Rückenschmerzen unter der Leitung von Prof. Dr. med. Andreas Michalsen im Immanuel Krankenhaus, Berlin.

Die Blutegelbehandlung im Humanbereich ist nur Ärzten und nach §1 HPG zugelassenen Heilpraktikern erlaubt.Die Berechtigung zur Blutegeltherapie bei Tieren unterliegt keiner gesetzlichen Einschränkung. Beim Einsatz müssen jedoch die Bestimmungen des Tierschutzgesetz und Arzneimittelgesetz berücksichtigt werden.

Die Blutegeltherapie gehört zu den invasiven (gewebsverletzenden) Therapien und es sollten vor dem Einsatz der Blutegel immer andere, nicht- invasive Behandlungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden.

In der Tierheilkunde werden die Blutegel überwiegend bei Erkrankungen des Bewegungsapparates eingesetzt, aber auch schlecht heilende Wunden, Hauterkrankungen und Abszesse können mit Blutegeln behandelt werden. Zur veterinärmedizinischen Anwendung von Blutegeln liegen bisher die meisten Erfahrungen mit Pferden, Hunden, Katzen und Nagetieren vor.

Wirkungsweise

In den letzten 100 Jahren ist die Blutegeltherapie zum Gegenstand intensiver Forschung geworden. Daher weiß man nun, dass nicht nur der schonende „Aderlass“ durch den Blutegel für Erleichterung in Fülle- und Schmerzzuständen sorgt, sondern dass zusätzlich viele Wirkstoffe im Speichel des Blutegels für die heilende Wirkung bedeutsam sind. Sie greifen in den in die komplizierten Gerinnungsvorgang des Blutes ein, können Thromben auflösen, fördern die Durchblutung und den Lymphfluss und weisen entzündungshemmende sowie schmerzreduzierende Wirkungen auf. Von den mehr als dreißig vermuteten Inhaltsstoffen des Blutegelspeichels sind bisher erst einige konkret benannt und erforscht. Die wichtigsten sind

Hirudin - wirkt blutgerinnungshemmend und sorgt dafür, dass das Blut während des Bisses fließfähig bleibt.

Calin /Saratin - wirkt ebenfalls gerinnungshemmend, aber weitaus länger als Hirudin und sorgt für eine anhaltende Reinigung der Wunde und des umliegenden Gewebes durch ausgiebiges Nachbluten

Hyalonidase/ Orgelase - erhöht die Durchlässigkeit des Gewebes, sodass die heilenden Wirkstoffe leichter durch die Zell- und Gefäßwände ins Innere gelangen. Sie wirken außerdem leicht antibiotisch.

Acetylcholin/ Histamin - erweitern die Gefäße

Destabilase - wirkt antibakteriell und kann Zellwände auflösen

Egline, Bdellin, Apyrase, Kollagenase  - wirken auch gerinnungshemmend, entzündungshemmend, krampflösend und teilweise wachstumsfördernd auf bestimmte Teile von Nervenzellen.

Möglicherweise sind noch weitere schmerzstillende Substanzen im Blutegelspeichel enthalten.

Die meisten Inhaltsstoffe des Blutegelspeichels sind in ihrer konkreten Wirkung noch unerforscht. Daher ist eine gleichzeitige homöopathische Behandlung wegen möglicher Wechselwirkungen nicht empfehlenswert. Eine homöopathische Behandlung kann jedoch der Blutegelbehandlung folgen oder vorangehen.

Indikationsbereiche

In der Tierheilkunde können Blutegel bei vielen akuten und chronischen, vor allem schmerzhaften Entzündungen im Bewegungsapparat, bei allen Formen von Gelenkentzündungen, Arthrosen, Bänder- und Sehnenentzündungen, Nervenentzündungen und Traumen eingesetzt werden.

Ebenso bei Abszessen, Thrombosen, schmerzhaften Hautentzündungen, Hämatomen, schlechter Wundheilung und postoperativer Narbenbildung, also überall dort, wo eine Anregung der Gewebedurchblutung und des Lymphabflusses, die Auflösung von Verhärtungen und Abtransport von Ablagerungen, die Nervenregeneration und die damit verbundene Schmerzreduktion gewünscht werden. Dabei sind Behandlungen im Akutzustand besonders erfolgreich. Bei degenerativen Gelenkerkrankungen wie Arthrose, Spondylose, Spat, kann die Blutegelbehandlung nicht den pathologischen Zustand (Röntgenbild) verändern, nimmt aber die Schmerzhaftigkeit der Begleitumstände.

Anwendung

Pro Behandlung werden je nach Erkrankung und Größe des Patienten 1 bis 8 Egel benötigt. Die vorbereiteten und in klarem Wasser gesäuberten Egel werden einzeln mit oder ohne Hilfsmittel an die gewünschte Hautstelle angesetzt. Eine Rasur des Hautbezirks ist nicht notwendig, da die Egel auch durch dichtes Fell an die Hautoberfläche vordringen können. Der Blutegel heftet sich mit dem hinteren Saugnapf an der Haut / dem Fell des Tieres an und sucht mit dem vorderen Teil nach einer geeigneten Saugstelle. Hat er diese gefunden, saugt er sich mit dem vorderen Saugnapf fest und beginnt mit seinen speziellen Mundwerkzeugen die Haut aufzuritzen. Der Biss selbst ist wenig schmerzhaft, etwa vergleichbar mit einem Mückenstich oder der Berührung mit einer Brennnessel, und wird von den Tieren meist gut ertragen. Das aufgesaugte Blut wird im Egelkörper direkt eingedickt und das enthaltene Wasser über die Haut ausgeschieden. Nach 20 Min. bis 2 Stunden ist der Blutegel vollgesogen, löst sich selbst von der Bißstelle ab und lässt sich fallen. In der Zeit sollte das behandelte Tier möglichst ruhig stehen oder liegen bleiben. Oft dösen die Patienten in dieser Zeit.

Der Wirkungsradius des Egelbisses beträgt etwa 5-10 cm im umliegenden Gewebe (auch in die Tiefe). Die reinigende Nachblutung kann ein bis acht Stunden dauern (beim Menschen bis zu 24 Stunden). Danach bildet sich eine Kruste auf der Wunde.

Der Blutentzug beträgt pro Egel durchschnittlich 35 - 40 ml incl. Nachblutung. Die Nachblutung muss zugelassen werden; ein lockerer Verband aus saugfähigem Material ist bei Bedarf möglich. Während der Nachblutung darf sich das Tier bewegen.

In akuten Zuständen ist nach der Blutegelbehandlung eine (manchmal vorübergehende) Spontanverbesserung möglich. Bei chronischen und degenerativen Erkrankungen ist eine langsame aber stetige Verbesserung wahrscheinlicher. Oft sind mehrere Behandlungen in immer größer werdenden Abständen notwendig.

Die Blutegel müssen nach der Anwendung getötet (in der Regel eingefroren) und ordnungsgemäß wie tiermedizinischer Abfall entsorgt werden, was vor dem Einsatz der Lebewesen bedacht werden sollte.

Da vor der Behandlung mögliche Kontraindikationen sorgfältig abgeklärt werden müssen und es während und nach der Blutegelbehandlung zu Komplikationen kommen kann, ist es ratsam, sich an einen geschulten Tiertherapeuten zu wenden.

Mögliche Komplikationen während und nach der Behandlung

Blutegel sind sensible Tiere, die empfindlich auf Umgebungsreize reagieren und unter Umständen trotz aller Bemühungen nicht beißen.

Bakterien auf der Oberfläche und im Magen des Egels können zu Wundinfektionen führen. Der Egel darf während des Saugens nicht gewaltsam abgenommen oder verletzt werden. Juckreiz und Schwellungen an der Bißstelle, Narbenbildung, allergische Reaktionen und eine sog. „Erstverschlimmerung“ sind möglich.

Durch Verunreinigung der Wunde kann es zu Sekundärinfektionen kommen. Kratzen, scheuern und belecken der Wunde, insbesondere die Entfernung der Kruste soll daher vermieden werden.

Durch Arterienverletzung oder eine Gerinnungsstörung kann es zu unkontrollierbaren Blutungen kommen.

Kontraindikationen

Bei folgenden Erkrankungen oder Zuständen darf eine Blutegelbehandlung nicht angewendet werden:

Anämien, Hämophilie (Blutegerinnungsstörung), Herabsetzung der Blutgerinnung durch Medikamente(!), Wundheilungsstörungen, Allergieneigung (bes. bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Blutegel- Inhaltsstoffe), Diabetes mellitus, Krebs, Immunschwäche, Abmagerung, Fieber, schlechter Allgemeinzustand.

Fazit

Die Blutegelbehandlung wird bei Entzündungen und zur Schmerzreduktion auch bei Tieren mit gutem Erfolg eingesetzt, ist aber nicht ohne Risiken. Die Patientenhalter müssen genau und detailliert über die Behandlung aufgeklärt werden.

Zu bedenken ist auch, dass Blutegel Lebewesen sind, die nach dem Einsatz getötet werden müssen. In jedem Fall ist es ratsam, sich an einen geschulten Therapeuten zu wenden.

Beatrix Fenderich

www.ganztiermed.de

Quellen:

Anke Henne, Blutegeltherapie bei Tieren ISBN 987-3-941706-28-6

Medizinische Blutegel…- Artikel der CO MED, Fachmagazin für Complementär-Medizin, Ausg. 4/13

Biebertaler Blutegelzucht www.blutegel.de

Arzneimittel Medirud® Biebertal Packungsbeilage (Gebrauchsinformation)

Hirudo ANIMALPHARMA Gebrauchs- und Fachinformation

Wikipedia

Seminar „Blutegel- Therapie“ Dorn-Therapiezentrum, Pulheim

Hinweis:

Wenn Sie ein Hausmittel anwenden möchten, überprüfen Sie vorher immer, ob dieses Mittel tatsächlich für den individuellen Fall Ihres Tieres geeignet ist. Alles, was eine Wirkung hat, kann auch eine unerwünschte Wirkung haben. Vieles Herumprobieren kann ein krankes Tier mehr schwächen als heilen. Achten Sie daher genau darauf, ob es Ihrem Tier unter der Anwendung des Hausmittels wirklich besser geht, ob gar nichts passiert oder ob sogar neue Symptome auftreten. Nur wenn es Ihrem Tier besser geht, ist die Anwendung für begrenzte Zeit auch sinnvoll.


Wenn Sie unsicher sind oder Fragen haben, wenden Sie sich bitte an eine/n Tierheilpraktiker/in oder Tierarzt/Tierärztin.

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